
Deutschlands erschöpfte Arbeitsbevölkerung: Wenn politische Forderungen an der Realität zerschellen
Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sprechen eine unmissverständliche Sprache: Deutschland verfügt über die älteste Erwerbsbevölkerung in der gesamten Europäischen Union. Fast jeder vierte Beschäftigte bewegt sich mittlerweile im Alter zwischen 55 und 64 Jahren. Mit einem Anteil von 24 Prozent liegt die Bundesrepublik damit deutlich über dem EU-Durchschnitt von 20,1 Prozent. Und ausgerechnet in dieser Situation fordert Bundeskanzler Friedrich Merz noch mehr Arbeitsleistung von den Deutschen.
Die demografische Zeitbombe tickt unaufhörlich
Der dramatische Anstieg des Durchschnittsalters in der deutschen Arbeitswelt hat mehrere Ursachen, die sich über Jahre aufgestaut haben. Immer mehr Menschen gehen später in Rente, frühe Ausstiegsmodelle wurden konsequent gestrichen, und die Rente mit 67 rückt unaufhaltsam näher. Gleichzeitig fehlen junge Arbeitskräfte an allen Ecken und Enden. Eine Entwicklung, die man durchaus als Versagen der politischen Weitsicht der vergangenen Jahrzehnte bezeichnen könnte.
Die OECD warnt bereits eindringlich vor den strukturellen Grenzen dieses Modells. Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter werde in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten weiter schrumpfen, heißt es in einer Ende 2025 veröffentlichten Analyse. Längere Lebensarbeitszeiten könnten zwar die Rentenfinanzierung stützen, würden aber keine Antwort auf Überlastung oder Produktivitätsprobleme liefern.
Merz' Arbeitszeit-Reform: Flexibilität oder Abbau von Schutzrechten?
Trotz dieser alarmierenden Ausgangslage treibt der Bundeskanzler seine Arbeitszeit-Reform unbeirrt voran. Noch in diesem Jahr soll ein Gesetz für flexiblere Arbeitszeiten kommen. Der traditionelle Acht-Stunden-Tag soll durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit ersetzt werden. Befürworter sprechen von mehr Flexibilität – doch Gewerkschaften warnen vor dem schleichenden Abbau von Arbeitsschutz und dem Risiko, dass Überstunden schlechter kontrolliert und faktisch entwertet werden.
„Entscheidend sei nicht nur, wie lange gearbeitet werde, sondern unter welchen Bedingungen – und mit welchem Erfolg."
Die politische Forderung nach mehr Arbeit trifft auf eine Gesellschaft, die sich spürbar in die entgegengesetzte Richtung bewegt. Laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage wäre rund ein Drittel der Beschäftigten bereit, für zusätzliche Urlaubstage auf Gehalt zu verzichten. Überstunden werden gezielt abgebaut, Brückentage genutzt, Teilzeit bleibt gefragt. Statt längerer Arbeitstage suchen viele nach Wegen, Arbeit und Erholung besser auszubalancieren.
Das Märchen von den faulen Deutschen
Ein zentraler Punkt bleibt in der Debatte auffällig unterbelichtet: Deutschland arbeitet nicht deshalb weniger, weil sich Menschen entziehen, sondern weil hier mehr Menschen überhaupt arbeiten. Vor allem Frauen. Im OECD-Vergleich ist ihre Erwerbsbeteiligung hoch, gleichzeitig arbeitet fast jede zweite Frau in Teilzeit – häufig nicht aus Wunsch, sondern aus Mangel an verlässlichen Strukturen für Kinderbetreuung und Pflege.
Das verzerrt jeden internationalen Vergleich. Wo mehr Frauen arbeiten, sinkt die durchschnittliche Arbeitszeit pro Kopf, selbst wenn insgesamt mehr Stunden geleistet werden. Unbezahlte Arbeit bleibt dabei völlig unsichtbar. Frauen übernehmen jedes Jahr Milliarden Stunden für Betreuung, Pflege und Haushalt. Pauschale Forderungen nach mehr Arbeit blenden diese Realität schlichtweg aus.
Strukturelle Probleme statt individueller Faulheit
Deutschland arbeitet nicht zu wenig – es organisiert Arbeit schlecht. Solange Betreuung, Pflege und unbezahlte Arbeit unsichtbar bleiben, wird jede Debatte über Arbeitszeit an den Menschen vorbeigehen, die das System längst tragen. Flexiblere Arbeitszeiten sind dabei nicht per se das Problem. Für viele Beschäftigte, vorrangig für arbeitende Mütter, können Homeoffice, Gleitzeit oder Wochenmodelle eine echte Entlastung sein.
Doch statt diese positiven Aspekte in den Vordergrund zu stellen, dominiert der Vorwurf, die Deutschen wären faul oder zu lange krank. Ein Narrativ, das an der Lebensrealität von Millionen hart arbeitender Menschen vorbeigeht und das Vertrauen in die politische Führung weiter untergräbt. Die älteste Arbeitsbevölkerung Europas hat Besseres verdient als pauschale Schuldzuweisungen.

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