
Wenn der Sozialstaat die Mitte ausbluten lässt
Was viele längst fühlen, wird nun durch Modellrechnungen schwarz auf weiß sichtbar: In bestimmten Konstellationen kann ein Geringverdiener-Haushalt mit Sozialwohnung und Zuschüssen am Monatsende mehr verfügbares Einkommen haben als eine Familie knapp oberhalb der Fördergrenzen. Mehr Brutto – aber weniger übrig. Willkommen im deutschen Transferdschungel.

Das Problem heißt nicht Bürgergeld. Es heißt Systemarchitektur. Steuern, Sozialabgaben, Wohngeld, Kinderzuschlag, Bildungspaket, Kindergeld – alles greift ineinander, aber kaum abgestimmt. Wer mehr verdient, verliert schnell staatliche Leistungen. Die sogenannte Transferentzugsrate frisst das Gehaltsplus auf. Das Ergebnis: Leistung wird bestraft, Stillstand subventioniert.
Paradox der Leistungsgesellschaft: Mehr Einsatz, weniger Spielraum
Ein Vierpersonenhaushalt mit rund 2.400 Euro Brutto und Sozialwohnung kann – dank stark reduzierter Wohnkosten, Wohngeld und Kinderzuschlag – auf ein verfügbares Einkommen von deutlich über 2.000 Euro kommen. Ein Haushalt mit 3.300 Euro Brutto, aber ohne Anspruch auf Zuschüsse und mit Marktmiete, landet unter dem Strich teils darunter.
Die Botschaft ist fatal: Die Abrisskante sitzt knapp über der Fördergrenze. Wer sich hocharbeitet, verliert Ansprüche, zahlt höhere Miete, volle Beiträge – und steht am Ende kaum besser da. Dieses Gefühl des „Festhängens“ trifft die untere Mitte ins Mark. Genau dort, wo das Leistungsversprechen eigentlich tragen sollte.
Ökonomen sprechen nüchtern von hohen Entzugsraten. Für die Betroffenen ist es einfacher: „Warum soll ich mehr arbeiten, wenn es kaum mehr bringt?“ Das ist kein moralisches Versagen. Das ist eine Fehlsteuerung im System.
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Soziale Errungenschaft – mit scharfen Kanten
Niemand bestreitet: Ein funktionierendes Sicherungssystem ist eine zivilisatorische Leistung. Unterstützung für Familien, für Niedrigverdiener, für schwierige Lebenslagen – das ist sozialstaatlicher Kern. Doch wenn das System so konstruiert ist, dass Mehrarbeit kaum Nettozuwachs bringt, entstehen Fehlanreize.
Würde man die Leistungen kleinteiliger staffeln, würden auch höhere Einkommen profitieren – politisch und fiskalisch brisant. Also bleibt es bei harten Schwellen. Die Folge: Die Mitte reagiert empfindlich. Hohe Mieten, volle Beiträge, keine Transfers – und das Gefühl, die Rechnung zu zahlen.
Demokratie-Risiko: Wenn das Leistungsversprechen bricht
Früher galt: Arbeit ermöglicht Aufstieg. Heute gilt vielerorts: Arbeit stabilisiert, aber ermöglicht keinen Schritt nach vorn. Urlaub, größere Anschaffungen, Eigentum – für viele „Normalverdiener“ kein Normalfall mehr. Das nagt am Vertrauen in Institutionen.
Wenn das Leistungsversprechen erodiert, wird aus ökonomischer Schieflage schnell politischer Sprengstoff. Die Kritik an Sozialausgaben ist in der „unteren Mitte“ besonders ausgeprägt – nicht aus Missgunst, sondern aus Frustration.
Reformoptionen: Weniger Abrisskanten, mehr Transparenz
Die diskutierten Reformansätze setzen an der Struktur an: Ein integriertes Steuer-Transfer-System, automatische Auszahlung, klare Entzugsrate. Wer mehr verdient, soll einen festen Anteil des Mehrverdienstes behalten – etwa 30 Prozent. Das würde extreme Belastungssprünge glätten und Arbeitsanreize stärken.
Doch auch hier lauern Risiken: Hohe Transfers dürfen nicht dazu führen, dass weniger sozialversicherungspflichtig gearbeitet wird – sonst drohen spätere Rentenlücken und neue Folgekosten.
Nicht weniger Sozialstaat – sondern ein besser konstruierter
Die Debatte darf nicht in „soziale Hängematte“ vs. „Leistungsträger“ kippen. Das Problem ist strukturell. Ein System, das Mehrarbeit kaum belohnt, untergräbt sein eigenes Fundament.
Die Aufgabe ist klar: Transparenz, Planbarkeit, faire Anreize. Wer mehr leistet, muss spürbar mehr behalten. Nur so bleibt das Leistungsversprechen glaubwürdig – und der gesellschaftliche Zusammenhalt stabil.
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