
Vom Volkspartei-Giganten zum parlamentarischen Zwerg: Die SPD zerlegt sich selbst
Es gibt politische Niederlagen, die schmerzen. Und es gibt politische Niederlagen, die einem Nachruf gleichkommen. Was die Sozialdemokratische Partei Deutschlands in diesen Tagen erlebt, gehört zweifellos in die zweite Kategorie. Der März 2026 dürfte in die Geschichtsbücher eingehen – nicht als Wendepunkt, sondern als jener Moment, in dem auch der letzte Optimist begriffen haben sollte, dass hier eine einst stolze Volkspartei vor den Augen der Nation in sich zusammenfällt.
Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg: Ein Doppelschlag ins Mark
In Rheinland-Pfalz, über Jahrzehnte hinweg die westdeutsche Trutzburg der Sozialdemokratie, stürzte die SPD von 35,7 auf 25,9 Prozent. Fast zehn Prozentpunkte – ausradiert an einem einzigen Wahlabend. Die CDU übernahm nach 35 Jahren wieder das Ruder. Noch-Ministerpräsident Alexander Schweitzer versuchte sich tapfer an der Deutung, man habe eine „Riesen-Aufholjagd" hingelegt. Man fragt sich unwillkürlich: Aufholjagd wohin? Ins Nichts?
Doch was in Mainz geschah, wirkte geradezu harmlos im Vergleich zum Desaster in Stuttgart. 5,5 Prozent. Man muss diese Zahl einen Moment sacken lassen. Die älteste Partei Deutschlands, die Partei August Bebels, Willy Brandts und Helmut Schmidts – auf dem Niveau einer Splittergruppe in Baden-Württemberg. Näher an der parlamentarischen Bedeutungslosigkeit als an irgendeinem Gestaltungsanspruch. Noch 2001 holte die SPD dort 33,3 Prozent. Was in einem Vierteljahrhundert passiert ist, lässt sich mit dem Wort „Erosion" kaum noch angemessen beschreiben. Es ist ein Erdrutsch.
Die Agenda 2010: Der Sündenfall, der nie verziehen wurde
Wer verstehen will, warum die SPD dort steht, wo sie heute steht, muss zurückblicken auf den 14. März 2003. An jenem Tag trat Bundeskanzler Gerhard Schröder vor den Bundestag und verkündete die Agenda 2010 – jenes Reformpaket, das den deutschen Arbeitsmarkt flexibilisierte, die Arbeitslosigkeit senkte und das Land wettbewerbsfähiger machte. Ökonomisch betrachtet war es ein Erfolg. Politisch war es ein Selbstmord auf Raten.
Denn die Ernte fuhr nicht die SPD ein, sondern Angela Merkel, die ab 2005 sechzehn Jahre lang auf einem Fundament regierte, das Sozialdemokraten gegossen hatten. Für die SPD selbst bedeutete die Agenda 2010 eine Kernspaltung. Hunderttausende Mitglieder traten aus. Die Gewerkschaften, über ein Jahrhundert lang natürliche Verbündete, wandten sich ab. Aus dem Protest gegen Hartz IV entstand die WASG, die sich später mit der PDS zur Linkspartei vereinigte und damit die Enttäuschung institutionalisierte. Fortan gab es links der SPD eine parlamentarische Alternative für alle, die sich verraten fühlten.
Die Politikwissenschaft hat dafür einen treffenden, wenn auch zynischen Begriff geprägt: „Modernize and die." Wer als sozialdemokratische Partei den Sozialstaat beschneidet, mag die Volkswirtschaft retten – zerstört aber die eigene Existenzgrundlage. Die SPD verlor nicht nur Wähler. Sie verlor etwas weitaus Kostbareres: das Vertrauen, dass sie meint, was sie sagt.
Eine Partei, die ihre eigenen Helden zu Unpersonen erklärt
Was die SPD von anderen schrumpfenden Parteien unterscheidet, ist nicht allein der Niedergang – den teilen konservative und sozialdemokratische Kräfte in ganz Europa. Es ist die geradezu pathologische Art, wie die Sozialdemokraten mit ihrer eigenen Geschichte umgehen. Oder genauer: wie sie diese systematisch demolieren.
Gerhard Schröder, der letzte SPD-Kanzler vor Olaf Scholz, der Mann, der die Partei 1998 mit 40,9 Prozent zum Sieg führte, wird in seiner eigenen Partei behandelt wie ein Aussätziger. Parteiausschlussverfahren, die juristisch scheiterten, aber symbolisch ihre Wirkung entfalteten. Groteske Debatten um sein Altkanzler-Büro. Öffentliche Distanzierungen im Wochentakt. Eine kollektive Amnesie, als hätte Schröder nie existiert.
Gewiss, Schröders Nähe zu Wladimir Putin und seine Aufsichtsratsposten bei russischen Energiekonzernen sind problematisch und kritikwürdig. Doch die Art der Auseinandersetzung offenbart etwas Tiefgreifendes über den Zustand dieser Partei: Sie kann mit Widersprüchen schlicht nicht umgehen. Sie kann nicht sagen: „Schröder hat Bedeutendes geleistet und zugleich schwere Fehler gemacht." Sie kann nur tilgen, verdrängen, amputieren. Es ist eine Tradition der Selbstverleugnung, die in der deutschen Parteienlandschaft ihresgleichen sucht – eine Organisation, die ihre erfolgreichsten Protagonisten nachträglich zu Unpersonen erklärt und sich dann wundert, warum niemand mehr weiß, wofür sie eigentlich steht.
Das Personalkarussell des Grauens
Parallel zum inhaltlichen Identitätsverlust vollzog sich ein personeller Ausverkauf von schwindelerregender Geschwindigkeit. Man versuche einmal, die SPD-Vorsitzenden der letzten fünfzehn Jahre aus dem Gedächtnis aufzuzählen. Sigmar Gabriel. Martin Schulz. Andrea Nahles. Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken. Lars Klingbeil und Saskia Esken. Dann Klingbeil und Bärbel Bas. Sechs Führungswechsel in einem Jahrzehnt. Manche dieser Namen waren so kurz im Amt, dass sich die Druckerschwärze auf den Visitenkarten kaum gelohnt haben dürfte.
Andrea Nahles hielt elf Monate. Martin Schulz schaffte es vom „Gottkanzler" der Titelseiten zum Rücktritt in weniger als einem Jahr. Die Halbwertszeit sozialdemokratischer Hoffnungsträger unterschritt irgendwann die Halbwertszeit einer Tageszeitung. Und mit jeder neuen Personalie kam ein neues Versprechen: Jetzt wird alles anders. Jetzt hören wir auf die Basis. Jetzt kehren wir zu unseren Wurzeln zurück. Doch die Wurzeln waren längst gekappt, und die schrumpfende Basis hatte aufgehört zuzuhören.
Boris Pistorius: Retter oder letzter Sargnagel?
Nun also Boris Pistorius. Der ehemalige Verteidigungsminister, der im Herbst 2024 in Umfragen populärer war als jeder andere SPD-Politiker, der als Kanzlerkandidat gehandelt, dann übergangen, dann doch wieder ins Spiel gebracht wurde. Es sei ein offenes Geheimnis, dass Pistorius für die Rolle des Retters geschont werde. Doch die entscheidende Frage lautet: Retter wovon genau?
Pistorius steht für eine klare transatlantische Orientierung, für militärische Stärke, für eine harte Linie gegenüber Russland. In der Sicherheitsdebatte nach dem 24. Februar 2022 habe ihm das Profil und Glaubwürdigkeit verschafft. Doch innerhalb der SPD öffne genau diese Positionierung eine weitere Bruchlinie. Denn die deutsche Sozialdemokratie hat eine außenpolitische Tradition, die weit über Schröders Gazprom-Verstrickungen hinausreicht: Willy Brandts Ostpolitik, Egon Bahrs „Wandel durch Annäherung", Helmut Schmidts Entspannungspolitik. Die Art, wie die SPD unter Pistorius' Einfluss ihre eigene außenpolitische Geschichte entsorge, empfänden weite Teile der sozialdemokratischen Basis als weiteren Verrat.
Die Zahlen sprechen eine gnadenlose Sprache
1998 holte die SPD bei der Bundestagswahl 40,9 Prozent. 2009 waren es 23,0 Prozent. 2017 dann 20,5 Prozent. 2025 schließlich 16,4 Prozent – das schlechteste Bundestagsergebnis ihrer Geschichte. In nicht einmal drei Jahrzehnten hat die Partei mehr als die Hälfte ihrer Wählerschaft verloren. Auf Landesebene ist die Erosion noch dramatischer: In Thüringen 6,1 Prozent, in Sachsen 7,3 Prozent, in Baden-Württemberg nun 5,5 Prozent. Das sind keine Ergebnisse einer Volkspartei. Das sind Ergebnisse einer Partei, die in ganzen Landstrichen aufgehört hat zu existieren.
Und hier liegt die bittere Ironie: Ausgerechnet die Partei, die sich die „Brandmauer" gegen die AfD auf die Fahnen geschrieben hat, untergräbt durch ihr eigenes Scheitern eben diese Brandmauer. Denn je schwächer die SPD wird, desto weniger demokratische Koalitionsoptionen bleiben. Die SPD wird, wenn sie weiter schrumpft, selbst zum Hydraulikhammer an jener Mauer, die sie zu verteidigen vorgibt – nicht weil sie die AfD unterstützt, sondern weil sie als demokratische Kraft schlicht ausfällt.
Eine Autoimmunerkrankung, keine Fremdeinwirkung
Was wir hier beobachten, ist keine Folge widriger Umstände oder unglücklicher Konstellationen. Es ist eine Autoimmunerkrankung. Eine Partei, die ihre erfolgreichsten Kanzler nachträglich zu Parias erklärt. Die ihre außenpolitische Tradition als Irrtum abtut. Die ihre Vorsitzenden schneller verschleißt als Einweggeschirr. Die mit der Agenda 2010 ihre Kernwählerschaft verprellte und nie den Mut fand, sich ehrlich dazu zu verhalten.
Für Deutschland als Ganzes ist dieser Niedergang kein Grund zur Schadenfreude. Eine funktionierende Demokratie braucht starke Parteien – auch wenn man deren Programmatik nicht teilt. Doch die SPD hat sich ihren Untergang redlich verdient. Sie hat sich von den Sorgen und Nöten der einfachen Bürger entfernt, hat sich in identitätspolitischen Debatten verloren, hat die Sicherheitsbedürfnisse der Bevölkerung ignoriert und die unkontrollierte Migration nicht als das benannt, was sie ist: ein Problem. Stattdessen hat sie moralisiert, belehrt und sich in einer Blase eingerichtet, die mit der Lebensrealität der Menschen in diesem Land nichts mehr zu tun hat.
Alexander Schweitzer sagte am Wahlabend in Rheinland-Pfalz, man habe „gekämpft wie die Löwen". In Baden-Württemberg hätte man ergänzen können: Und sei geendet wie die Lämmer. 5,5 Prozent – das ist keine Delle. Das ist ein Epitaph.
Die SPD steht vor der existenziellen Frage, ob sie überhaupt noch eine Zukunft hat. Die Antwort darauf wird nicht in Parteizentralen gefunden, sondern an den Wahlurnen. Und dort hat das Volk bereits gesprochen – unmissverständlich.

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