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23.03.2026
06:04 Uhr

Russischer Tanker auf Konfrontationskurs: Moskau testet Washingtons Blockade gegen Kuba

Was sich derzeit im Atlantik abspielt, liest sich wie ein geopolitischer Thriller aus Zeiten des Kalten Krieges – nur dass die Protagonisten diesmal andere Motive haben und die Einsätze womöglich noch höher sind. Ein russischer Staatstanker pflügt mit 750.000 Barrel Rohöl an Bord durch den Atlantik, Kurs: vermutlich Kuba. Gleichzeitig hat ein anderer Tanker, der ursprünglich russischen Diesel auf die Karibikinsel liefern sollte, kalte Füße bekommen und dreht ab. Das Ergebnis ist ein hochbrisantes Kräftemessen zwischen Washington und Moskau – und mittendrin ein Inselstaat, dem buchstäblich das Licht ausgeht.

Ein Tanker knickt ein – der andere hält Kurs

Der unter Hongkong-Flagge fahrende Tanker Sea Horse, der Anfang des Jahres per Schiff-zu-Schiff-Transfer im Mittelmeer eine Ladung russischen Diesels übernommen hatte, änderte am Freitag sein Ziel. Statt nach Kuba steuert das Schiff nun Trinidad und Tobago an, wo es voraussichtlich am Montag eintreffen dürfte. Seit Ende Februar hatte der Tanker mitten im Atlantik auf der Stelle gelegen – offenbar in Erwartung einer Klärung der politischen Lage. Die Botschaft Washingtons war am Ende wohl unmissverständlich genug.

Denn das US-Finanzministerium hatte am Donnerstag die Bedingungen einer zuvor gewährten Ausnahmeregelung für den Kauf bereits verschifften russischen Öls verschärft. Transaktionen, die Nordkorea, Kuba oder die Krim betreffen, wurden explizit ausgeschlossen. Ein kaum verhülltes Signal an Moskau: Finger weg.

Die Anatoly Kolodkin – Russlands schwimmende Machtdemonstration

Doch während die Sea Horse abdrehte, bahnt sich ein weitaus dramatischerer Showdown an. Der russische Staatstanker Anatoly Kolodkin verließ am 8. März den Hafen von Primorsk mit einer Ladung Rohöl, die Kuba – einmal raffiniert – mehrere kostbare Wochen Energieversorgung sichern könnte. Die britische Royal Navy verfolgte das Schiff mitsamt seiner russischen Marineeskorte durch den Ärmelkanal. Dann löste sich die Eskorte, und der Tanker setzte seinen Weg allein fort.

Offiziell lautet das Ziel auf den Frachtpapieren lediglich „Atlantik, auf Order". Doch maritime Analysefirmen wie Vortexa identifizieren den kubanischen Hafen Matanzas – Standort des größten Ölterminals der Insel – als wahrscheinlichstes Ziel. Das Schiff sei noch etwa eine Woche von Kuba entfernt, so eine Analystin der Firma Windward.

Kreml-Sprecher gibt sich betont vage

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bestätigte weder eine Verbindung Moskaus zur Kolodkin noch dementierte er sie. Man stehe „in ständigem Kontakt mit der kubanischen Führung, mit unseren kubanischen Freunden", sagte er, und diskutiere „mögliche Optionen zur Unterstützung Kubas in der schwierigen Situation". Die staatliche Nachrichtenagentur TASS berichtete ebenfalls von laufenden Gesprächen über Hilfsoptionen – ohne Details zu nennen. Diplomatischer Nebel, wie man ihn aus Moskau kennt.

Kubas Energiekrise: Ein Land am Abgrund

Die Lage auf der Karibikinsel ist indes katastrophal. Stromausfälle sind zur Normalität geworden. In diesem Jahr haben laut Schifffahrtsdaten lediglich zwei Tanker mit importiertem Öl kubanische Häfen angelaufen. Am Dienstag konnte das Land sein Stromnetz nach einem landesweiten Blackout von über 29 Stunden zwar wieder hochfahren und das größte Wärmekraftwerk ans Netz bringen – doch bereits am Wochenende folgte der nächste flächendeckende Zusammenbruch. Benzin wird auf dem Schwarzmarkt für umgerechnet acht Dollar pro Liter gehandelt, das Sechsfache des offiziellen Preises. Eine humanitäre Katastrophe, die sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit abspielt.

Die Trump-Administration verfolgt dabei eine doppelgleisige Strategie: Einerseits will man angesichts des Nahostkonflikts die globalen Energiepreise nicht weiter in die Höhe treiben und hat deshalb temporär Sanktionen auf bereits verschifftes russisches Öl gelockert. Andererseits soll das kommunistische Regime in Havanna keinen Tropfen davon abbekommen. Öllieferungen seien ausschließlich an private Unternehmen gestattet – eine Einschränkung, die Kubas Staatsapparat gezielt von jeder Versorgung abschneidet.

Geopolitisches Schachspiel im Hinterhof der USA

Für Wladimir Putin geht es bei der Kuba-Frage längst um mehr als Rohöl. Nach der von den USA orchestrierten Absetzung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro im Januar und der anschließenden Hinwendung seines Regimes nach Washington hat Russland in der westlichen Hemisphäre kaum noch Verbündete. Moskau hatte 2024 noch Kriegsschiffe – darunter die Fregatte Admiral Gorschkow und das Atom-U-Boot Kasan – zu Hafenbesuchen nach Havanna entsandt. Im vergangenen Jahr unterzeichneten beide Länder ein Militärkooperationsabkommen, das gemeinsame Übungen, Ausbildung und die Modernisierung kubanischer Militärausrüstung vorsieht.

Doch Kuba hat für Moskau nie wieder die strategische Bedeutung erlangt, die es während des Kalten Krieges besaß. Was auf dem Spiel steht, ist vielmehr der Wert russischer Freundschaft als geopolitische Währung. Moskaus zurückhaltende Unterstützung für seine bedrängten Verbündeten in Venezuela und Iran hat diesen Wert bereits erheblich gemindert.

„Russland ist ernsthaft beschädigt worden durch seine mangelnde Bereitschaft, Maduro zu verteidigen, und seine unsichtbare Rolle im Iran-Konflikt", so ein Sicherheitsexperte. Wenn Moskau glaube, damit durchzukommen, würde es die Öllieferung nach Kuba „wahrscheinlich liebend gern" durchziehen.

Gleichzeitig sei Russland jedoch vor allem dabei, „die Stärke des amerikanischen Willens zu testen", und werde bei Konfrontation einlenken. Selbst bei der derzeitigen Ablenkung der USA durch den Iran-Konflikt sei es unwahrscheinlich, dass Moskau die militärische Entschlossenheit der Vereinigten Staaten auf die Probe stelle – „besonders angesichts von Trumps, nun ja, bekanntem Verhalten".

Trinidad als lachender Dritter?

Während Kuba im Dunkeln sitzt, wittert Trinidad und Tobago eine Chance. Premierministerin Kamla Persad-Bissessar erklärte vor dem Parlament, es gebe Interesse – auch seitens der USA –, die stillgelegte Raffinerie und Tankinfrastruktur des Inselstaates für Öllagerung zu nutzen. Der umgeleitete Diesel der Sea Horse dürfte dort einen dankbaren Abnehmer finden.

Ein Lehrstück in Realpolitik

Was wir hier beobachten, ist Realpolitik in ihrer reinsten Form. Donald Trump nutzt die Energiewaffe mit einer Konsequenz, die man sich in manch europäischer Hauptstadt nur wünschen könnte. Während Deutschland unter der neuen Großen Koalition weiterhin über Sondervermögen und Klimaneutralität debattiert und dabei die eigene Energiesicherheit sträflich vernachlässigt, demonstriert Washington, wie man geopolitische Hebel tatsächlich einsetzt. Man mag von Trumps Methoden halten, was man will – aber die Bereitschaft, nationale Interessen kompromisslos durchzusetzen, verdient zumindest Respekt. Eine Lektion, die auch Berlin dringend beherzigen sollte, statt sich in ideologischen Luftschlössern zu verlieren.

Die kommende Woche wird zeigen, ob die Anatoly Kolodkin tatsächlich Kurs auf Matanzas hält – oder ob auch dieser Tanker am Ende vor der amerikanischen Entschlossenheit kapituliert. So oder so: Das Kräftemessen im Atlantik ist ein Gradmesser für die neue Weltordnung, die sich unter Trump 2.0 herausbildet.

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