
Preis am 9/11-Jahrestag: Erzbischöfin ehrt Bin-Laden-Lober
Ausgerechnet am 25. Jahrestag der Anschläge vom 11. September hat die Erzbischöfin von Canterbury, Sarah Mullally, einen pakistanischen Geistlichen für „Versöhnung und interreligiöse Zusammenarbeit“ ausgezeichnet. Eine Woche später zog der Londoner Lambeth Palace die Ehrung wieder zurück – nach Berichten über frühere Lobesworte des Geehrten auf Osama bin Laden. Ein Debakel mit Ansage?
Der Preis, der nur sieben Tage hielt
Hafiz Muhammad Tahir Mehmood Ashrafi, Vorsitzender des Pakistan Ulema Council, erhielt den Hubert-Walter-Preis am 11. September im Lambeth Palace. Gewürdigt wurde er laut Mitteilung der Kirche für seinen Einsatz für religiöse Toleranz und für religiöse Minderheiten in Pakistan, insbesondere für Christen.
Dann kam die Vergangenheit. Medienberichten zufolge hatte Ashrafi 2007 angekündigt, bin Laden den Ehrentitel „Saifullah“ – „Schwert Gottes“ – zu verleihen. Der Al-Kaida-Chef, so damals seine der BBC zufolge überlieferte Begründung, habe „für den Islam gegen Russen, Amerikaner und Briten gekämpft“.
Anlass war seinerzeit nicht etwa ein Terroranschlag, sondern der britische Ritterschlag für den Schriftsteller Salman Rushdie, gegen den in Pakistan Hunderte demonstrierten.
Lambeth Palace rudert zurück – vorsichtig
Der Amtssitz der Erzbischöfin teilte mit, frühere Äußerungen Ashrafis seien bekannt geworden, man habe die Auszeichnung neu bewertet und sie zurückgezogen. Zugleich betonte der Palast, interreligiöser Dialog müsse auch über tiefe Gegensätze hinweg möglich bleiben.
Ashrafi selbst wies die Vorwürfe zurück. Gegenüber der BBC erklärte er, seine Aussagen seien völlig aus dem Zusammenhang gerissen worden; ein Sprecher ließ mitteilen, es habe sich nicht um eine Unterstützung bin Ladens gehandelt, sondern um ein Beispiel für die Kränkung vieler Muslime durch die Rushdie-Ehrung.
Die britische National Secular Society nannte die Verleihung an diesem Datum „obszön“ und warf der Kirche gravierende Prüfungsversäumnisse vor. Ihr Geschäftsführer Stephen Evans sprach von erschreckend schlechtem Urteilsvermögen und einer gefährlichen Naivität im Umgang mit religiösen Akteuren.
„Es ist erstaunlich, dass dieser Preis überhaupt verliehen wurde – und das ausgerechnet am Jahrestag von 9/11.“ (Stephen Evans, National Secular Society, laut Medienberichten)
Wenn Symbolpolitik die Recherche ersetzt
Bei den Anschlägen vom 11. September 2001 starben fast 3000 Menschen, darunter 67 Briten. Ein Datum, das Sorgfalt verlangt – und genau daran hat es aus Sicht unserer Redaktion gefehlt. Eine Internetsuche hätte womöglich gereicht.
Der Fall wirkt wie ein Lehrstück über westliche Institutionen, die den guten Willen höher gewichten als die nüchterne Prüfung. Dass Ashrafi 2012 im Fall der wegen angeblicher Blasphemie angeklagten Christin Rimsha Masih eine faire Untersuchung forderte, ist unbestritten. Ebenso unbestritten ist, dass er die pakistanischen Blasphemiegesetze verteidigt – sie verhinderten Selbstjustiz, argumentiert er.
Human Rights Watch sieht das anders: Die Gesetze zementierten religiöse Diskriminierung. Seit Ende der 1980er-Jahre wurden Menschenrechtsorganisationen zufolge rund 2000 Menschen auf ihrer Grundlage angeklagt, überproportional viele Christen und Ahmadis.
Eine Lektion, die nicht nur London angeht
Mullally steht als erste Frau an der Spitze der anglikanischen Kirche – ihr Start ist nun von einem vermeidbaren Fehltritt überschattet. Die eigentliche Frage reicht weiter: Wie viel Prüfung leisten sich Kirchen, Stiftungen und Behörden, bevor sie Ehrungen vergeben? Wer Versöhnung feiern will, sollte zuvor genau hinsehen. Sonst bleibt am Ende nur ein zurückgezogener Preis – und beschädigtes Vertrauen.
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