
Gold hinkt hinterher – doch Peking kauft wie im Rausch
An der Wall Street feiern Anleger neue Rekorde, Bitcoin springt über 87.000 Dollar – und Gold? Fällt zurück. Am Dienstagmorgen rutschte der Goldpreis zeitweise bis auf 4.315 Dollar, nachdem er mehrfach an der Marke von 4.400 Dollar abgeprallt war. Gleichzeitig zeigen chinesische Zolldaten: Peking importiert Gold in Rekordmengen.
Risk-on-Modus: Die Spekulation frisst den sicheren Hafen
Die KI-Rally treibt Chip- und Technologieaktien, S&P 500 und Nasdaq 100 kratzen an ihren Höchstständen. Wer schnelle Kursgewinne jagt, braucht keinen Notausgang.
Hinzu kommt der Ölpreis. Brent stürzte binnen gut einer Woche von knapp 110 auf rund 100 Dollar. Das dämpft die Inflationssorgen – und nimmt dem Gold ein Stück jener Risikoprämie, die es zuvor beflügelt hatte.
Auch am Anleihemarkt entspannte sich die Lage: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen fiel von über 5 Prozent am Freitag auf etwa 4,92 Prozent. Nur half das dem Edelmetall bislang wenig.
Warum fallende Zinsen dem Gold nicht helfen
Der Grund liegt in einer Kennzahl, die viele Kleinanleger übersehen: der Realrendite. Entscheidend ist nicht der nominale Zins, sondern was nach Abzug der Inflationserwartungen übrig bleibt. Und die zehnjährige US-Realrendite liegt mit rund 2,62 Prozent weiterhin hoch.
Weil der billigere Rohstoff Öl die Inflationserwartungen zusätzlich drückt, bleiben US-Staatspapiere real attraktiv. Gold zahlt keine Zinsen, keine Dividende – die Opportunitätskosten steigen. Nach dem Zinsschritt auf 3,75 bis 4,00 Prozent signalisiert die Fed mindestens eine weitere Anhebung in diesem Jahr, der Dollar bleibt fest. Zwei Bremsklötze auf einmal.
Chinas Rekordimporte: mehr als nur ein Schnäppchenkauf?
Während westliche Trader rotieren, greift China zu. Medienberichten zufolge überstiegen die chinesischen Goldimporte bis einschließlich August bereits 1.000 Tonnen – mehr als im gesamten Jahr 2025 und der höchste Wert seit Beginn der verfügbaren Datenreihe im Jahr 2017.
Begünstigt haben das ein stärkerer Yuan und der gesunkene Weltmarktpreis. Weil die Investmentnachfrage im Inland hoch blieb, notierte Gold in China leicht über dem internationalen Niveau – Importe lohnten sich also doppelt.
Dazu kommen die Käufe der Notenbank: Die People's Bank of China erwarb im August so viel Gold wie seit 2023 nicht mehr und setzte ihre fast zwei Jahre laufende Kaufserie fort. Chinesische Gold-ETFs nahmen bis August rund 44 Tonnen auf, ihre Bestände legten laut Shanghai Gold Exchange seit Jahresbeginn um 18 Prozent zu – während die globalen ETF-Bestände praktisch stagnierten.
Ein Blick auf die Reserven
Bemerkenswert: Laut offiziellen Statistiken liegt China mit rund 2.300 Tonnen gemeldeten Goldreserven weiter hinter den USA (etwa 8.133 Tonnen), Deutschland (rund 3.350 Tonnen) und Italien (rund 2.452 Tonnen). Wer wissen will, warum Peking so hartnäckig kauft, findet hier eine plausible Antwort.
Zwei Kräfte ringen um den Goldpreis
Kurzfristig dominieren hohe Realrenditen, ein starker Dollar und die Flucht ins Risiko. Fundamental stützen Chinas Importe, ETF-Zuflüsse und Notenbankkäufe. Charttechnisch gelten die Zone um 4.300 Dollar und das Zwischentief bei 4.234 Dollar als Bewährungsprobe; hält sie, wäre ein neuer Anlauf auf 4.400 Dollar möglich.
Für Anleger mit langem Atem bleibt die Botschaft: Wenn Staaten Gold nach Hause holen, geht es nicht um Quartalsrenditen – sondern um Vermögenssicherung.
Hinweis: Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Er spiegelt die Einordnung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen. Jeder Anleger muss eigenverantwortlich recherchieren und entscheiden; Kursverläufe der Vergangenheit sind kein Indikator für künftige Entwicklungen.

- Kettner Edelmetalle News
- Finanzen
- Wirtschaft
- Politik











