
54 Filialen, 400 Existenzen, 54 Jahre Tradition – und am Ende gewinnt die Stromrechnung
Bestensee in Brandenburg. Wer wissen will, wie es dem Land wirklich geht, muss nicht in die Statistiken des Wirtschaftsministeriums schauen. Es genügt ein Blick auf das Rollgitter, das seit dem 1. August vor einigen Verkaufsstellen der Bäckerei Konditorei Wahl heruntergelassen ist. 54 Filialen in Berlin und Brandenburg, mehr als 400 Beschäftigte, ein Familienunternehmen, das 1972 in einer kleinen Pachtbäckerei begann – und nun der Gang zum Insolvenzgericht. Die Geschäftsführerin bestätigte den Schritt gegenüber der regionalen Presse. Man befinde sich in Eigenverwaltung, das Kerngeschäft sei gesund und wettbewerbsfähig, der Betrieb solle weiterlaufen. Nur eben kleiner. Deutlich kleiner.
Wenn „gesundes Kerngeschäft“ und Insolvenz im selben Satz stehen
Das ist der bittere Satz dieser Zeit: Ein Betrieb, der handwerklich funktioniert, dessen Brötchen die Kunden seit Jahrzehnten kaufen, dessen Belegschaft loyal ist – und der trotzdem nicht mehr überlebt. Als Gründe wurden gestiegene Kosten und die Kaufzurückhaltung der Kunden genannt. Man muss diese zwei Halbsätze zwei Mal lesen, um ihre ganze politische Sprengkraft zu erfassen. Denn beide sind keine Naturgesetze. Beide sind das Ergebnis von Entscheidungen, die in Berlin getroffen wurden.
Bereits geschlossen haben mehrere Standorte, unter anderem in Mittenwalde, in einem Discounter in Zossen und in einem Supermarkt in Schmöckwitz. Auch in Potsdam wird ausgedünnt. Eine Verkäuferin schilderte gegenüber der Boulevardpresse, man habe erst zwei Wochen vor der Meldung von der Insolvenz erfahren; wer gehen wolle, könne gehen. Ein Satz, der die Kälte moderner Sanierungsverfahren perfekt einfängt. Der begleitende Rechtsanwalt sieht laut Unternehmensmitteilung beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Sanierung – treue Kunden, starkes Team, gesunder Kern. Man wünscht es der Familie und den Mitarbeitern von Herzen. Man fragt sich nur, wie lange dieses Muster noch trägt.
63 Insolvenzen in sechs Monaten – das ist kein Zufall, das ist ein Trend
Denn Wahl ist kein Einzelfall, sondern eine Zeile in einer immer länger werdenden Liste. Im ersten Halbjahr 2026 haben bundesweit 63 Bäckereibetriebe Insolvenz angemeldet – rund 40 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Ein Sprecher der Wirtschaftsauskunft Creditreform verwies auf veränderte Konsumgewohnheiten: Backwaren würden zunehmend beim Wocheneinkauf im Supermarkt oder beim Discounter mitgenommen, nicht mehr beim Handwerksbäcker. Hinzu kämen explodierte Energiekosten, die Betriebe mit Backöfen und Knetmaschinen naturgemäß härter treffen als ein Büro mit drei Laptops. Dazu hohe Lohnkosten, teurere Rohstoffe, fehlende Fachkräfte. Und die bittere Pointe: Weitergeben lasse sich all das nur begrenzt, weil der Kunde am Monatsende einfach nicht mehr hat.
Wer Energie politisch verteuert, verteuert am Ende das Brötchen. Wer das Brötchen verteuert, tötet den Bäcker. So einfach ist die Kausalkette, die man in Berlin seit Jahren nicht buchstabieren will.
Es traf in den vergangenen Monaten bereits andere: eine Thüringer Bäckerei mit 44 Filialen und rund 280 Beschäftigten, eine bayerische Kette, bei der sich überhaupt keine Fortführungslösung fand und die Produktion einstellte, ein über hundert Jahre alter Betrieb aus Schleswig-Holstein, der verkauft wurde und von dessen elf Filialen ein Wettbewerber sechs übernahm. Jede dieser Meldungen ist ein Stück Substanz, das dieses Land verliert – Substanz, die niemand mit einem Sondervermögen zurückkaufen kann.
Vom Backsteinofen zur Bilanzkrise: eine deutsche Geschichte
Die Geschichte dieses Unternehmens ist bemerkenswert deutsch. 1972 eine gepachtete Backstube, sechs Jahre später der eigene Betrieb in Bestensee, sechs Mitarbeiter, altdeutsche Tradition, Backsteinofen. Nach der Wende Wachstum, 2005 ein neuer Produktionsstandort im Kleingewerbegebiet, 2016 ein Café am Bahnhof, 2017 die Übergabe an die Tochter. Und im April 2024 – man lese es zweimal – übernahm dieser Betrieb noch Filialen einer anderen insolventen Bäckereikette in Potsdam und Potsdam-Mittelmark. Zwei Jahre später ist der Retter selbst Patient. Wenn selbst diejenigen kippen, die noch expandieren, dann ist nicht das Unternehmen krank, sondern der Standort.
Die unbequeme Frage
Wo sind eigentlich die Sondervermögen für den Mittelstand? 500 Milliarden Euro sind für Infrastruktur eingeplant, Klimaneutralität wurde ins Grundgesetz geschrieben, die Schuldenversprechen des Kanzlers sind Geschichte. Für den Handwerksbetrieb mit 400 Arbeitsplätzen im Landkreis Dahme-Spreewald aber gibt es keinen Rettungsschirm, keine Pressekonferenz, kein Nachtragshaushaltsgesetz. Es gibt nur die nächste Nebenkostenabrechnung, die nächste Bürokratieauflage, den nächsten Dokumentationspflichtenkatalog. Der Bäcker soll dokumentieren, digitalisieren, dekarbonisieren – und nebenbei um vier Uhr morgens Teig ansetzen. Dass die Kunden gleichzeitig sparen müssen, weil ihnen Inflation und Abgabenlast das Netto weggefressen haben, gilt in Berlin als bedauerlicher Nebeneffekt. In Bestensee heißt es Insolvenz.
Was bleibt, wenn das Handwerk geht
Mit jeder geschlossenen Bäckerei verschwindet mehr als eine Verkaufstheke. Es verschwindet ein Treffpunkt, ein Ausbildungsplatz, ein Stück Ortskern, ein Stück Alltag. Discounter-Aufbackware kennt keine Lehrlinge und keine Stammkunden. Sie kennt nur Margen. Und wenn am Ende nur noch Konzerne Brot verkaufen, wird sich niemand mehr wundern, dass die Preise trotzdem nicht fallen.
Der Fall Wahl ist deshalb kein Regionalthema, sondern ein Symptom. Ein Land, das seine energieintensiven Handwerksbetriebe systematisch aus dem Markt reguliert, während es sich moralisch für Weltrekorde feiert, wird irgendwann feststellen: Man kann Ideologie nicht essen. Wer sein Vermögen in einem solchen Umfeld schützen will, sollte sich fragen, was in einer Wirtschaft mit schrumpfender Substanz und wachsender Geldmenge eigentlich noch Wert hat. Physisches Gold und Silber haben in der Geschichte jede Inflations- und Insolvenzwelle überdauert – als reale, greifbare Ergänzung eines breit gestreuten Vermögens. Die Backstube in Bestensee hätte davon nicht profitiert. Der Sparer, der ihr Brot gekauft hat, vielleicht schon.
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