
Altersarmut ist kein Betriebsunfall, sondern Systemlogik
19,7 Prozent der Menschen ab 65 Jahren galten 2025 in Deutschland als armutsgefährdet. In absoluten Zahlen sind das rund 3,45 Millionen Seniorinnen und Senioren. Zwar ist die Zahl gegenüber 2024 leicht gesunken, doch das ist eine statistische Entlastung ohne Substanz. Denn der Anteil an der Altersbevölkerung ist sogar minimal gestiegen – schlicht deshalb, weil es insgesamt weniger Menschen über 65 gibt. Die Daten stammen aus vorläufigen Zahlen des Statistisches Bundesamt.
Was hier sichtbar wird, ist kein Ausreißer und kein Übergangsproblem. Es ist der Normalzustand eines Rentensystems, das seit Jahren auf Kante genäht ist – und politisch trotzdem weiter relativiert wird.

Altersarmut ist weiblich – und strukturell bedingt
Besonders deutlich zeigt sich die Schieflage beim Blick auf die Geschlechter. 21,5 Prozent der Frauen ab 65 Jahrengelten als armutsgefährdet, bei Männern sind es 17,5 Prozent. Diese Differenz ist kein Zufall und kein individuelles Versagen, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Strukturentscheidungen: niedrigere Löhne, unterbrochene Erwerbsbiografien, Teilzeit, unbezahlte Care-Arbeit – und ein Rentensystem, das all das nicht auffängt, sondern fortschreibt.
Dass Altersarmut überdurchschnittlich Frauen trifft, ist seit Jahren bekannt. Neu ist nur, dass diese Realität inzwischen jede fünfte Person im Rentenalter betrifft – und trotzdem politisch wie ein Randphänomen behandelt wird.
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Die statistische Definition – und was sie verschleiert
Als armutsgefährdet gilt nach EU-Definition, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung hat. Für Alleinlebende lag diese Schwelle 2025 bei 1.446 Euro netto im Monat(2024: 1.381 Euro). Wer darunter liegt, gilt als armutsgefährdet – nicht als arm.
Doch genau hier liegt das Problem: Diese Definition misst Armut relativ, nicht absolut. Sie sagt nichts darüber aus, ob jemand seine Miete zahlen, Heizkosten tragen oder medizinische Ausgaben stemmen kann. In Ballungsräumen reicht selbst ein Einkommen oberhalb dieser Schwelle oft nicht für ein würdevolles Leben. Altersarmut wird so statistisch eingehegt – und politisch entschärft.
„Abstiegsgesellschaft“ – scharfe Worte, bekannte Zahlen
Die Zahlen wurden vom Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) bei der Behörde in Wiesbaden abgefragt. Parteigründerin Sahra Wagenknecht spricht von Zynismus, wenn trotz dieser Lage weiter über Rentenkürzungen diskutiert wird. Deutschland sei längst zu einer Abstiegsgesellschaft geworden, insbesondere für Rentnerinnen und Rentner.
Unabhängig von der parteipolitischen Bewertung ist der Kern der Kritik schwer von der Hand zu weisen: Während die Politik über Haltelinien, Rentenniveaus und Nachhaltigkeitsfaktoren diskutiert, lebt ein wachsender Teil der älteren Bevölkerung dauerhaft unter Druck. Die Debatte ist technokratisch, die Realität existenziell.
Österreich als Gegenmodell – und deutsche Ausreden
Wagenknecht fordert, sich am österreichischen Rentensystem zu orientieren, in dem alle Erwerbstätigen einzahlen und die Renten im Schnitt höher ausfallen. Diese Idee ist nicht neu – sie wird seit Jahren diskutiert, analysiert und verworfen. Nicht, weil sie unfinanzierbar wäre, sondern weil sie politisch unbequem ist.
Das deutsche System setzt weiterhin auf ein Nebeneinander aus gesetzlicher Rente, betrieblicher Vorsorge und privater Eigenverantwortung. Das Ergebnis ist bekannt: Wer wenig verdient oder unterbrochen gearbeitet hat, fällt im Alter durchs Raster. Wer vorsorgen konnte, kommt besser zurecht. Altersarmut wird damit systemisch produziert, nicht verhindert.
Dass 2025 fast jede fünfte Person im Rentenalter als armutsgefährdet gilt, ist kein Ausreißer und kein temporäres Problem. Es ist das Resultat eines Rentensystems, das Stabilität verspricht, aber Risiken individualisiert. Besonders Frauen zahlen dafür den Preis.
Solange Altersarmut statistisch relativiert, politisch vertagt und strukturell nicht angegangen wird, bleibt sie das, was sie längst ist: kein Randphänomen, sondern ein fester Bestandteil der sozialen Realität in Deutschland.
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